Den Mitgliederschwund stoppen und umkehren

Rainer Voß mit Anja Schultz

Der neu gewählte Vorsitzende des BHV Nord, Rainer Voß, mit Anja Schultz von der Pädagogik-Beach-Mannschaft „Es war eine geile Zeit"

„Das wird aber ein Marathon, kein Sprint“, sagt Rainer Voß, neuer Vorsitzender des Bezirksverbandes Rostock/MV Nord.

Rostock | Rainer Voß ist neuer Vorsitzender des Bezirkshandballverbandes Rostock/MV Nord. Zu seinem Amtsantritt befragte NNN-Mitarbeiter Klaus-Peter Kudruhs den 60-Jährigen.

Herr Voß, Sie haben sich auf dem 3. Bezirkstag der Wahl zum Vorsitzenden gestellt und erhielten einstimmig den Zuschlag. Betrachten Sie das als Vertrauensvorschuss für die Zeit ab 1. Juli?

Ich bin seit mehr als 25 Jahren im Rostocker Handball in verschiedenen Funktionen aktiv, also nicht gänzlich unbekannt in der Szene. Da in den vergangenen 30 Jahren lediglich zwei Sportfreunde die Funktion des Vorsitzenden prägten (Klaus-Peter Alm und Volker Schnepel – d. Red.), freut es mich natürlich, dass die Vereine mir die Führung des Bezirksverbandes zutrauen.

Der Bezirkstag war stark von einer Diskussion über die Rostocker Beachhandball-Tage geprägt. Gibt es keine brennenderen Themen im Nord-Verband?

Die Beachhandball-Tage haben durchaus eine Relevanz für unsere Mitgliedsvereine. Nicht nur, dass diese Veranstaltung in der Satzung des BHV Nord steht, sie leistet auch einen gewichtigen Beitrag zum Haushalt des Verbandes. Deshalb halte ich es für richtig, von unseren Mitgliedsvereinen eine angemessene Unterstützung einzufordern, was aber nicht jeder Verein bereit ist zu leisten. Diese Diskussion haben wir bereits seit einiger Zeit. Da auch diesmal das Stimmungs- und Meinungsbild nicht eindeutig war, wird uns das Thema zwangsläufig weiter beschäftigen.

Für diesen Sommer fällt Beachhandball komplett aus. Gibt es Konzepte für 2021 und danach?

Das Thema haben wir ja im Land komplett verschlafen. Wenn Beachhandball in Kürze olympisch wird, müssen wir uns ihm auf jeden Fall widmen. Trotz bester natürlicher Gegebenheiten im Land fristet der Beachhandball bei uns noch ein Nischendasein als Hobby feierfreudiger Handballer. Hier gilt es für die Verbände, ein geeignetes wegweisendes Konzept zu erarbeiten und diesen Sport in die Vereine zu tragen. Ebenso gilt es, unser Vorzeige-Event Rostocker Beachhandball-Tage weiter zu entwickeln, damit es auch künftig unseren Gästen aus dem gesamten Bundesgebiet ein positives Bild von der Sportstadt Rostock mit auf den Weg gibt.

Rückgang der Mitgliederzahlen und der Mannschaften – ist das nur mit der Anzahl von lediglich 15 Vereinen im Wirkungsbereich Nord zu erklären?

Das Problem der rückläufigen Mitgliederzahlen ist erkannt und wird auch angepackt. Es ist aber im gesamten Deutschen Handball-Bund festzustellen. Dort wird derzeit über Maßnahmen, die dem entgegenwirken, beraten. Die Ergebnisse werden sicher in unsere Aktivitäten einfließen. Abwarten sollten wir aber nicht mehr, die Arbeit muss ohnehin an der Basis getan werden. Da wir nur 15 Mitgliedsvereine im Bezirksverband Nord haben, zeigen sich die Auswirkungen des Mitgliederschwunds bei uns eher und drastischer. Dass wir bereits seit 20 Jahren rückläufige Mitgliederzahlen zu verzeichnen haben, ist nicht nur dem demografischen Wandel oder der Gebietsreform 2012 im Handball-Verband MV geschuldet. In vielen Kinderzimmern stehen heute Fernseher, Spielkonsolen u. a. Viele Kinder haben schon recht früh eigene Handys, aber auch die Ganztagsschulen bieten oftmals ein abwechslungsreiches Programm für ihre Schüler. Das alles steht natürlich in Konkurrenz zum Vereinssport.

Wie sehen die Handball-Vereine die Situation?

Unseren Vereinen ist es bisher nicht gelungen, diese Entwicklung mit geeigneten Maßnahmen aufzuhalten. Weniger Kinder und Jugendliche bedeuten auch weniger Mannschaften. Trainerstellen wurden abgebaut und nicht mehr benötigte Hallenzeiten abgegeben. In unserer Gesprächsrunde „Mitglieder werben“, zu der ich im vergangenen September erstmals die Vereinsvorsitzenden und Abteilungsleiter eingeladen hatte, erörtern wir Wege und Möglichkeiten, diesen unseligen Dreiklang „Keine Sportler, keine Trainer, keine Hallenzeiten“ aufzubrechen. Das Interesse der Vereine nimmt zu, und es zeigt sich, dass wir noch lange nicht alles getan haben, um wieder mehr Kinder und Jugendliche für unseren Sport zu begeistern.

Einige Teams können nur noch in den Verbänden Ost und West spielen, weil im Norden keine Liga-Stärke vorhanden ist…

Gerade hier zeigt sich die Notwendigkeit, durch Mitgliederzuwachs wieder mehr Mannschaften in den Spielbetrieb zu bringen und eigene Meisterschaften auszutragen. Es ist nicht wirklich einzusehen, dass Kinder im Grundschulalter durch das halbe Land zum nächsten Punktspiel fahren müssen, was unnötig viel Zeit und Geld kostet. Leisten wir gerade in diesem Alter gute Arbeit bei der Mitgliedergewinnung, haben wir in den folgenden Jahren ein Problem weniger.

Der neue Vorstand ist nur mit vier Mitgliedern besetzt. Warum sind Positionen vakant?

Hier sehe ich unsere Mitgliedsvereine in der Verantwortung. Als mein Vorgänger vor einem Jahr seinen Rückzug ankündigte, haben wir die Vereine aufgefordert, uns ihre Kandidaten für den neuen Vorstand zu benennen. Es ist bei vier Nennungen geblieben. Ich werde also diese Aufforderung bei Gelegenheit wiederholen müssen. Der neue Vorstand wird natürlich auch selbst nach geeigneten Kandidaten für die vakanten Posten suchen.

Bei allem Lob für die lange Arbeit Ihres Vorgängers: Muss nicht einiges anders gemacht werden, um im BHV Nord zu bestehen?

Volker Schnepel übergibt einen arbeitsfähigen und aktiven Bezirkshandballverband. Wir haben kompetente und engagierte Mitstreiter in unserem Vorstand sowie in den Leitungen und Vorständen der Vereine und Abteilungen. Allein aus dem Personalwechsel an der Spitze leite ich keine Notwendigkeit von Änderungen ab.

Aber es muss doch vorwärts gehen, will man mit anderen Sportarten mithalten?

Natürlich, wir wollen als Verband ja nicht stehen bleiben. In den nächsten Tagen stimmt sich der neue Vorstand zu den ersten Schritten und Themen ab. Parallel dazu werde ich das Gespräch mit Sportfreunden aus den Vereinen suchen, um mir einen detaillierteren Überblick über deren Situation zu verschaffen und um hier und da auch neue Ideen für unsere Arbeit zu erhalten. Sicher wird ebenfalls ein Thema sein, wie wir künftig miteinander kommunizieren wollen. Generell würde ich mir mehr Meinungsfreude der Vereinsvertreter wünschen.

Rostock war mal eine Hochburg des Handballs. Was muss angepackt werden, um zumindest wieder einen Schritt in diese Richtung machen zu können?

Für mich und meine Mitstreiter ist das das Thema Mitgliedergewinnung. Wir müssen daraus ein gemeinsames Handeln machen, was bisher nicht der Fall war. Nach meiner Auffassung müssen wir für eine nachhaltige Lösung das Übel bei der Wurzel packen, den Trend des Mitgliederschwunds stoppen und umkehren. Gelingt uns das, beginnen wir gleichzeitig mit der Lösung anderer Probleme. Wir gewinnen ja nicht nur Spieler, sondern auch Schieds- und Kampfrichter, Übungsleiter, Betreuer, Funktionäre. Und alle sind wichtig für einen funktionierenden Sport. Das wird allerdings ein Marathon, kein Sprint.

Quelle: www.nnn.de/28547167 ©2020
Text: Klaus-Peter Kudruhs
Foto: Johannes Weber